Als Algeco am 2. Juni 2025 den Tod seines Geschäftsführers bekanntgab, fehlte selbst in der offiziellen Unternehmensmitteilung die Distanz, die Pressemitteilungen sonst pflegen. Dietmar Müller hatte Algeco Deutschland seit Januar 2020 geführt. Er starb unerwartet, 61 Jahre alt, mitten in einer Phase, in der das Unternehmen klare Ziele vor sich hatte.
550 Mitarbeitende in Deutschland
14 Standorte bundesweit
5 Jahre Geschäftsführung
Vom Ingenieur zum Geschäftsführer: drei Jahrzehnte im Schnelldurchlauf
Dietmar Müller stammt aus Nordrhein-Westfalen und studierte Maschinenbau an der Gesamthochschule Duisburg mit Schwerpunkt Thermodynamik und Energietechnik, Abschluss 1987. Was danach folgte, war keine geradlinige Konzernkarriere, sondern eine, die ihn durch Kontinente und sehr unterschiedliche Branchen führte.
Fast 17 Jahre arbeitete er für Munters AB, ein schwedisches Unternehmen und weltweiter Spezialist für energieeffiziente Luftbehandlung. Er bereiste in dieser Zeit als Managing Director verschiedene Regionen, stieg schließlich zum Group Vice President und Präsidenten des Geschäftsbereichs Air Treatment auf. Es war die prägende Phase seiner Laufbahn: Müller lernte, wie man technisch komplexe Lösungen in sehr unterschiedlichen Märkten verankert, und wie man internationale Teams führt, ohne den lokalen Kontext zu verlieren.
Ab 2015 wechselte er in die Arbeitsbühnenvermietung. Bei Gardemann GmbH übernahm er die Geschäftsführung eines Unternehmens mit sinkenden Margen. Er stabilisierte es und übergab es in der besten Verfassung seit Jahren. Von 2018 bis Ende 2019 leitete er Riwal Deutschland, ebenfalls Arbeitsbühnenvermietung. Anfang 2020 kam dann der Wechsel zu Algeco.
Karriereverlauf
- 1983 – 1987
Studium Maschinenbau, GH Duisburg
Schwerpunkt Thermodynamik und Energietechnik
- ca. 1988 – 2014 (ca. 17 Jahre)
Munters AB
Internationaler Managing Director in mehreren Regionen; zuletzt Group VP und Präsident Geschäftsbereich Air Treatment
- 2015 – 2018
Gardemann GmbH
Geschäftsführer; Turnaround eines Arbeitsbühnenverleihers mit rückläufiger Profitabilität
- 2018 – 2019
Riwal Deutschland
Geschäftsführer; Arbeitsbühnenvermietung
- Januar 2020 – Mai 2025
Geschäftsführer und Managing Director DACH sowie Slowenien; Mitglied des Vorstands der Modulaire Group
Was er bei Algeco vorfand und wie er die Rolle verstand
Algeco mit Sitz in Kehl ist Marktführer für modulare Raumlösungen in Deutschland und gehört zur britischen Modulaire Group, einem der größten Anbieter modularer Gebäude und Infrastruktur in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum. Als Müller im Januar 2020 antrat, übernahm er ein Unternehmen mit 14 Standorten, 550 Mitarbeitenden in Deutschland, 250 weiteren von Partnerunternehmen sowie Niederlassungen in Österreich und Slowenien.
Seinen Anspruch an die Rolle formulierte er früh: Algeco sei kein Vermieter und kein Verkäufer, sondern ein Dienstleister. Das war keine Marketingformulierung. Das Unternehmen bot nach eigenen Angaben als einziger Anbieter in Deutschland einen vollständigen 360-Grad-Service an:
- Anlieferung und Aufbau der Raummodule
- Anschluss an Strom, Kanalisation und Internet
- Vollständige Möblierung nach Kundenwunsch
- Wartung, Reparatur und Facility Management
- Optional: Versorgungs- und Sicherheitsleistungen vor Ort
Neben der Rolle als Deutschlandchef saß Müller im Vorstand der Modulaire Group. Er war damit nicht nur operativ verantwortlich, sondern an strategischen Konzernentscheidungen beteiligt.
Wie er modulares Bauen erklärt hat und warum das Argument funktionierte
In Interviews mit der Allgemeinen Bauzeitung und dem Architekturmagazin Cube sprach Müller selten abstrakt. Einen zentralen Vorteil beschrieb er so: Beim modularen Bauwerk laufen entscheidende Arbeitsschritte parallel ab. Während die Module im Werk gefertigt werden, laufen Bauvorbereitung und Genehmigungsverfahren auf dem Grundstück gleichzeitig. Beim konventionellen Bau folgt eines dem anderen. Für Kommunen, die Schulen oder Kindergärten unter Zeitdruck benötigen, macht das einen handfesten Unterschied.
Zur Marktentwicklung hatte er klare Zahlen parat. Die Flüchtlingskrise 2015 bis 2017 hatte den Markt für modulare Gebäude kurz überhitzt: Algeco stellte damals rund 7.000 Module für diese Nutzung auf. Zum Zeitpunkt seiner Amtsübernahme waren noch etwa 1.000 davon in Betrieb. Der Markt hatte sich konsolidiert. Die Coronakrise brachte zunächst Verunsicherung, danach stieg die Nachfrage wieder. Das Jahr 2023 war schwieriger, der klassische Wohnungsbau brach ein, aber Algeco spürte das anders: Die öffentliche Hand, vor allem Bildungsprojekte, blieb stabil. Große Industriekunden aus dem Automobilbereich begannen wieder zu investieren.
Originalzitat
„Was heute eine Kita ist, kann morgen ein Büro oder eine Wohnanlage für Studierende werden. Das ist mit unseren Konfigurationen jederzeit möglich.”
Dietmar Müller, Algeco-Geschäftsführer · Allgemeine Bauzeitung, Oktober 2023
Zirkuläres Bauen: Betriebsrealität, keine Hochglanzformel
Müller brachte das Nachhaltigkeitsargument auf eine konkrete Zahl: Algeco-Container werden im Schnitt 30 Jahre genutzt. In dieser Zeit lassen sich 20 bis 25 Vermietungen realisieren, jedes Mal nach Reinigung, Aufarbeitung und Neukonfiguration. Am Ende des Lebenszyklus ist nahezu das gesamte Material recycelbar. Das beschrieb er als zirkuläres Bauen und machte deutlich, dass es kein Versprechen in Broschüren ist, sondern der tatsächliche Betriebsablauf.
Zur Klimastrategie des Konzerns: Die Modulaire Group hatte sich zur Klimaneutralität in der gesamten Wertschöpfungskette bis 2050 verpflichtet. Konkrete Maßnahmen umfassten Investitionen in Photovoltaik, emissionsarme Transportmittel und die Ausschreibung von Green Steel. Im Nachhaltigkeitsbericht 2023 wies die Gruppe eine Reduktion der Scope-1- und Scope-2-Emissionen um 26 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2020 aus.
Nachhaltigkeitsergebnisse unter Müllers Führung
EcoVadis Gold: Algeco zählt zu den besten 5 Prozent aller weltweit bewerteten Unternehmen, besonders ausgezeichnet in Umwelt sowie Arbeit und Menschenrechte.
Emissionsreduktion: Die Modulaire Group verzeichnete bis 2023 eine Reduktion der Scope-1- und Scope-2-Emissionen um 26 Prozent gegenüber Basisjahr 2020.
Referenzprojekt: Das erste Net-Zero-Restaurant von McDonald’s in Market Drayton, England, wurde aus Algeco-Raummodulen gebaut.
Der Tod und die Reaktion
Algeco Deutschland gab am 2. Juni 2025 den Tod Müllers bekannt. Das Fachmedium Vertikal.net, das die Arbeitsbühnen- und Hebezeugbranche seit Jahrzehnten begleitet, berichtete als eines der ersten außerhalb des Unternehmens. Müller war dort bekannt, lange bevor er zu Algeco kam.
„Dietmar war eine inspirierende Persönlichkeit und ein geschätzter Kollege, dessen menschliche Art viele von uns geprägt hat.”Algeco-Management-Team · Pressemitteilung, 2. Juni 2025
Die neue Führung: wer Algeco jetzt leitet
Am 25. Juli 2025 gab Algeco die neue Führungsstruktur bekannt. Zwei langjährige Mitglieder der Geschäftsleitung übernehmen die gemeinsame Verantwortung für die erweiterte Region DACHS: Deutschland, Österreich, Schweiz, Slowenien und Kroatien.
Neue Geschäftsleitung Algeco DACHS · ab 25. Juli 2025
GS Gerrit Sellmer Director Sales & Marketing, Sprecher der Geschäftsführung. Im Unternehmen seit August 2020.
SW Stefan Weiss CFO, Mitglied der Geschäftsleitung. Im Unternehmen seit Dezember 2016.
James Odom, Managing Director Algeco DACHS und Group General Counsel der Modulaire Group, steht dem neuen Team beratend zur Seite und bleibt Mitglied des Modulaire Executive Committee.
Dietmar Müller hat Algeco durch fünf Jahre geführt, in denen wenig planbar war. Pandemie, Markteinbruch, ESG-Druck, eine Branche im Wandel. Er war kein Bau-Mann aus Tradition, sondern einer, der von außen kam, die Logik des Modulbaus schnell verstand und sie in der Öffentlichkeit klarer erklärte als die meisten, die schon länger dabei waren. Auf einen Nachfolger, der diese Kombination mitbringt, wird Algeco einige Zeit warten müssen.

